Konzertbericht Delta Moon

 

Delta Moon im Reigen, 13. April 2015

Bluesbands mit zwei Gitarristen und Rhythmus sind nichts ungewöhnliches; Bluesbands mit zwei Slide-Gitarristen und Rhythmus schon.

„Crazy“, sagt Leadsänger und Gitarrist Tom Gray, „but it works“. Auf der Bühne spielt er zwei offen gestimmte Gitarren, die er wie eine Weissenborn oder eine beliebige Lapsteel nicht mit dem Röhrl sondern mit dem Barren bearbeitet. „Zu Hause“, sagt er, „habe ich eine Weissenborn und spiele sie auch im Sitzen, aber beim elektrischen Konzert muss ich im Stehen spielen, und da ist sie ungeeignet“. Beide Instrumente bedient er abgewinkelt zum Körper und stützt sie mit dem Oberschenkel ab, eine sicherlich nicht sonderlich bequeme Haltung.

Sein „Partner In Crime“ Mark Johnson erzählt mir, wie er auf den Bandnamen „Delta Moon“ gekommen ist: „Vor etwa 25 Jahren war ich in Clarksdale und besuchte auch die nahegelegene langjährige Heimat Muddy’s auf der Stovall Plantage. Als ich den bleichen (Voll)mond über dem Horizont erblickte, wusste ich sofort, wie die Band heißen muss“. Später wurde die restaurierte Hütte bekanntlich im Bluesmuseum in Clarksdale fix aufgestellt, wo ich sie zusammen mit der besten Sissi von allen vor zehn Jahren bewundern durfte. Mark spielt seine Gitarren konventionell mit Slide, und der Sound, den die beiden entwickeln, ist in seiner Kompaktheit und Fülle wohl unerreicht. Ob „call & response“, unisono, kontrapunktisch, einander im Solo ergänzend – da fehlt keine Facette. Dass sich die zwei Herren keinen einzigen Fehlgriff erlauben, versteht sich nach ein paar Titeln fast von selbst, man hat auch niemals Sorge, dass das passieren könnte. Von einem „Battle“ ist keine Rede, keiner will den anderen übertrumpfen, keiner spielt sich in den Vordergrund, von Harmonie und großer Spielfreude ist der Abend geprägt.

Den Gesang übernimmt Tom alleine, die anderen singen im Background mit, wobei besonders die Bassstimme Franher Joseph’s auffällt, des einzigen Afro-Amerikaners in der Gruppe; den könnte man vielleicht ein paar Stücke solo singen lassen. Seinen E-Bass spielt er so, wie es sich gehört – nicht vordergründig, aber ohne ihn würde ein guter Teil des Grooves fehlen.

Schlagzeuger Vic Stafford ist der „Benjamin“ der Band, der er erst seit heuer angehört. Als rhythmisches Rückgrat spielt er einen soliden Beat und ist immer am Punkt.

Obwohl auch im heißen Blues-Rock firm – die Stones, Creedence Clearwater, ZZ Top, Allman Brothers und andere hat man ausgiebig gehört und das beste davon zu einem Part des Delta Moon Sounds gemacht – wird die Band durchaus auch den Ursprüngen und Wurzeln der Musik gerecht. Das meiste wirkt relaxed, „laid back“ und „downhome“, niemand regt sich auf, niemand wirkt exaltiert, die Lautstärke kann man als angenehm bezeichnen. Natürlich werden Effektgeräte eingesetzt, allerdings nicht übertrieben und immer an den richtigen Stellen. Als Gimmick singt Tom zwei Stücke über das Mikro eines gewöhnlichen Telefonhörers, der begrenzte Frequenzgang führt zu einer veränderten Stimme, dem Publikum gefällt das.  

Das abwechslungsreiche Repertoire des Abends lässt keine Wünsche offen, man hört Titel in allen Geschwindigkeiten, lateinamerikanisch angehauchtes, Diddley Rhythmus, modifizierten Country Blues („Hard Times“ von Skip James), Rock ‘n’ Roll, Covers („Who Do You Love“, „Little Red Rooster“, „Hip Shake“, andere) und Eigenkompositionen von Tom Gray („Ghost In My Guitar“, „Don’t Want A Skinny Woman“, „Clear Blue Flame“, andere). 

Zum Ende hin marschieren die Gitarren und der Bass von der Bühne direkt vor das Publikum.

Mit dem „Hip Shake“ bringen die Herren die beste Sissi ins Wanken und Grübeln, ist dies doch auch eine Paradenummer unseres lieben Freundes Abi Wallenstein. „Beide Interpretationen sind gleich gut“, stellt sie diplomatisch fest, wobei ich Vergleiche nicht anstellen mag und sogar für unzulässig halte.

Das finale „Let’s Boogie“ ist astreiner Rock ‘n’ Roll, und Sissi stellt erfreut fest, dass auffallend viele Gäste shaken und tanzen, sogar die Männer, die sonst immer dasitzen „wie die Mannerschnitten“.

Und…nein, ein Klavier hat diesmal nicht gefehlt!

Ein superbes „Five Star“ Konzert, das sich einen Superlativ verdient hat!

Werner Simon

 

PS: Reigen Chef Windbacher hat dankenswerter Weise wieder ein paar Ausschnitte des Konzerts ins Netz gestellt, zu sehen unter https://youtu.be/nXNQPgTGc8M