Al Cook – Zum 40. Todestag von Elvis Presley

ZUM 40. TODESTAG VON ELVIS PRESLEY © Al Cook 2017
Elvis Aron Presley, der unbestritten größte Star, den die Musikgeschichte der Nachkriegszeit
hervorgebracht hat, ist vor nunmehr 40 Jahren in die ewigen Jagdgründe der Populärkultur
eingegangen und man soll es nicht glauben, er lebt immer noch und verdient mit Sicherheit das
Mehrfache wie zu Lebzeiten, als sich noch reichlich Gold aus seiner heißen Kehle ergoß. Man
betonierte um ihn herum eine schier unerschöpfliche Erinnerungsindustrie, die von den
Rechtsnachfolgern seines gigantomanischen Managers Tom Parker mit fast überirdischer Energie
am Laufen gehalten wird. Meines Erachtens kann da vielleicht noch die Sexikone Marilyn Monroe
mithalten, aber es gibt nur mehr eine zunehmend schwindende Minderheit, die sich zum Beispiel
noch bewußt an James Dean erinnern kann. Elvis ist und bleibt der absolute Champion in punkto
Unsterblichkeit.

Das Positive an dieser, schon fast grotesken Erinnerungskultur ist die Tatsache, daß man die heiß
begehrten, oft grottenschlecht kopierten Bootleg-Raubkopien in Topqualität ganz legal zum
handelsüblichen Ladenpreis erstehen kann. Die krasse Kehrseite der Medaille sind jedoch die für
Kenner und versierte Fans grauenhaften Sampler, die neben Hayride- und Sun Klassikern schamlos
lauwarme Kaufhausware aus der Las Vegas Ära als Menü anbieten. Auch die oft unpassenden
Coverfotos, denen jeder Bezug zum Inhalt fehlt, irritieren jeden Fan, der sich die entsprechende
Musik zum Portrait erwartet.

Verfolgt man die in regelmäßigen Abständen veröffentlichten Neuerscheinungen, hat man den
Eindruck, daß Elvis mindestens hundert Jahre gelebt haben muß, ohne das Studio verlassen zu
haben. Bei näherer Betrachtung sind das aber sich ständig wiederholende Überschneidungen bereits
längst bekannter Titel, die nur wie ein gigantisches Hütchenspiel ständig ausgetauscht werden.
Ein Grundproblem bei dieser Elvis-Geschichte ist für mich auch die Tatsache, daß man ihn
ungeachtet der Zäsur, der er sich nach seiner Rückkehr aus der Army unterzog, noch immer als
„King Of Rock n Roll“ etikettiert, obwohl er bereits anfang der 60er zum Familienprogramm für
Amerikas schweigende Mehrheit mutiert war. Sein gemeinsamer Auftritt mit Frank Sinatra setzte
ein deutliches Signal der Absage an die Welt aus der er kam.

Bemerkenswert an der organisierten Elvis-Hype ist die fast ausschließliche Fixierung an seine Las
Vegas Ära mit den immer bombastischeren Jump Suits und den schwülstigen Arrangements, die
mich verdammt hart an die Große Oper erinnern. Auch die massenhaft aus dem Boden schießenden
Impersonatoren treten bis auf ein paar handverlesene Authentiker bis heute samt und sonders im
Vegas-Outfit auf. So wird der jungen Generation eine Kunstfigur vermittelt, die eigentlich nichts
mit Rock n Roll zu tun hat. Kein Wunder, wenn die Kids in den 80ern mit den Stray Cats mehr
anfangen konnten.

Ich habe mich in den letzten Jahren wieder intensiver mit Elvis beschäftigt und kam zu dem
Ergebnis, daß er bereits in den frühen 60ern kein glücklicher Mensch mehr gewesen ist. Seine
Ehefrau Priscilla schreibt in dem Buch „Elvis und ich“, daß er zunehmend frustriert war, weil ihm
von seinem Manager immer diese saudummen, seichten Filmchen aufgezwungen wurden. Elvis
träumte davon, einmal ein ernstzunehmender Schauspieler a la Marlon Brando oder James Dean zu
werden. Doch der „Colonel“ nahm ihn zur Seite und zischte: „Hör mal! Wenn wir es so machen,
wie ich will, verdienen wir Geld. Wenn wir es so machen, wie du willst, verdienen wir nichts,
klar?!“ Da wurde dem Jungen aus Memphis aber schnell klar, wer der wahre King hinter dem
Phänomen Elvis Presley war. Dann war’s dem Elvis einfach zuviel und er beschloß den Colonel an
die Luft zu setzen. Der sagte: „Wie du willst…“ und bilanzierte kurzerhand. Nächsten Tag
präsentierte er dem baffen Elvis die Rechnung und die Revolution war gegessen. Graceland oder
Lauderdale Courts mit Laster fahren. Ich glaube, das hat Elvis endgültig gebrochen und er fraß sich
dann später still und langsam zu Tode. Die Beatles haben das mit Brian Epstein anscheinend besser
hingekriegt.

Trotz „Orbitalgeschwindigkeit“ und „to be larger than life“ hatte Elvis vor dem Erfolg der Beatles
Angst. Als sie ihn einmal besuchten, waren sie von ihm enttäuscht, weil er das Treffen mit sichtlich
mentaler Abwesenheit über sich ergehen ließ und eigentlich fast die ganze Zeit in das Glotzodrom
stierte. Ich glaube, er wußte, daß er weder gegen die Beatles, noch gegen die Bühnenshow eines
Jimi Hendrix bei der Woodstock-Generation etwas ausrichten konnte. Generell war die glamouröse
Show-Welt in der Elvis lebte, obsolet geworden und dem Untergang geweiht. Aus meiner Sicht war
Las Vegas nur mehr eine Art hochbezahltes Ausgedinge, sozusagen die Luxuspfründe für Typen wie
Liberace, Dean Martin, Frankieboy und die restliche Ratpack-Partie. Draußen donnerten in
zehnfacher Lautstärke die Gitarren der Psychedelic-Rocker und Pete Townshend zerlegte mit seiner
Gitarre zweistöckige Marshall-Verstärker. Wen interessierte ende der 60er, wie Elvis einst die
gottesfürchtigen Südstaatler mit geöltem Haar, Koteletten und gekonntem Hüftschwung in
Schockstarre versetzte. Sogar dem verklemmten Showmaster Ed Sullivan blieb 1956 nichts anderes
über, als seinen Ekel über Elvis hinunterzuwürgen und die Heulboje aus Memphis ins Studio zu
holen, wenn er nicht quotenmäßig absaufen wollte. Doch all das lockte in den 70ern keinem Hund
mehr einen Furz heraus. Daher hieß es für den King: Ab nach Las Vegas und der angegrauten
Damenwelt noch einmal den Hound Dog in die Unterwäsche zu jagen, bevor da auch nichts mehr
zu holen war. Trotz allem hätte sich Elvis bereits seit ende der 50er keine Sorgen mehr zu machen
brauchen. Er hatte die Fluchtgeschwindigkeit erreicht und brauchte keinen Absturz mehr
befürchten. Bloß der Colonel konnte den Rachen nicht vollkriegen und preßte den armen Kerl bis
zum letzten Tropfen aus. Elvis war oft krank und zu tode erschöpft, aber der Colonel bellte seine
Angestellten an: „Scheiß drauf! Ich will den Hurensohn heute Abend auf der Bühne sehen!“….und
der King spurte. Kein Wunder, daß man sagt, Elvis habe seinen Tod nur vorgetäuscht um endlich
Ruhe zu haben.

Aber wie auch immer, Elvis ist wahrhaftig physisch tot und uns bleiben nur nostalgische
Erinnerungen, für deren Aufrechterhaltung durch Elvis Enterprises seit vier Jahrzehnten gesorgt
wird.

Mein Gott, hätte er es so gemacht, wie er es wollte, wäre er nicht reich geworden, aber mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesund geblieben. Möglicherweise hätten wir ihn im
Orpheum zujubeln können, wenn er, Gott sei’s gedankt, noch mit Scotty and Bill aufgetreten wäre.
Dann hätten wir ihm bei „Good Rockin’ Tonight“ unsere halbleeren Bierkrügel entgegengestemmt
und ein herzhaftes „Yeah Man“ auf die Bühne gebrüllt.
Rest in Peace, Old Boy!

Al Cook