Al Cook – Zwischenbilanz und Selbstreflexion zu seiner Autobiographie

KEIN PLATZ FÜR JOHNNY B. GOODE
Zwischenbilanz und Selbstreflexion zu meiner Autobiographie © by Al Cook 2017

Nun ist etwas über ein halbes Jahr vergangen, seit ich meine Sozial- Szene- und
gesellschaftskritische Autobiographie bei Epikuros veröffentlicht habe. Wie erwartet, hat der Inhalt
des Buches dort oder da ein wenig Staub aufgewirbelt, was ja vor der Konzeption dieses Werkes als
kalkulierte Verkaufsstrategie einberechnet wurde. Doch der große Aufreger ist offenbar wieder
ausgeblieben.
Wie im Vorwort statuiert, verzichtete ich bewußt auf jedwede politisch korrekte
Beschönigungsterminologie, weil ich nie bereit war, mich mit dem Diktat unserer tugendautoritären
Toleranzgebotsgesellschaft, die nur ihr Weltbild als das wahre anerkennt, zu arrangieren.
Vorwörter sind in der Regel langweilig und belehrend und meistens auf Beeinflussung des Lesers
abgezielt. Das ist vorallem der Grund, weshalb auch ich von Prologen wenig halte. Allerdings war
es in diesem Falle unabdingbar notwendig, ein klärendes Wort an die Leserschaft zu richten um
mißverständlichen Auslegungen gewisser Textpassagen im Vorfeld zu begegnen.

Ich begann dieses Buch während der Genesungsphase nach einem schweren Herzinfarkt und der
darauffolgenden Bypassoperation zu schreiben, da ich nicht wissen konnte, wieviel Lebenszeit mir
noch bleiben würde. Es war mir daher ein dringendes Bedürfnis, nicht nur mein Leben zu
dokumentieren, sondern auch meine Gedanken und meine Sicht der Dinge zu Papier zu bringen.
Mir ging es so wie in meiner Musik nie um Erfolg um jeden Preis, sondern um Authentizität, die
sich früher oder später einmal bezahlt macht.
Ich befinde mich im 73. Lebensjahr und meine Lebensuhr kann durch meinen Gesundheitszustand
bedingt, jederzeit abrupt zum Stillstand kommen. Daher bin ich froh, dieses Buch noch vollendet zu
haben, denn es mußte einfach geschrieben werden. Es ist in den drei Jahren, die seit Vollendung
dieser Biographie vergangen sind, soviel passiert, daß es mir ohne weiteres gelänge, ein zweites
Buch zu schreiben. Aber die Zeit schreitet fort und ich bin mir nicht sicher, ob es sich noch lohnen
würde….

Nun, dem Großteil meiner Leserschaft – vorallem jener, die mich persönlich kennt und fallweise
auch noch meiner Altersklasse angehört – war es ein literarischer Genuß, dessen Kurzweil und
Spannung man sich bis zum Schluß nicht entziehen konnte. Vorallem die historische Kompetenz
meiner Zeitzeugenschaft, sowie die Authentizität, Ehrlichkeit und schonungslose Offenheit in der
Beschreibung zeitbedingter Ereignisse wurde begeistert gelobt, da ich Dinge zur Sprache brachte,
die vielen älteren Menschen nicht mehr im Gedächtnis sind. Vorallem behandelte ich auch
Themenkreise, über die sich somancher vor lauter politischer Korrektheit nicht zu äußern traut.
Einige der aufmerksamsten Leser waren sogar der einhelligen Meinung, daß da fast ein
Schriftsteller an mir verloren gegangen sei.
Das freut einen natürlich sehr, wenn man fast zehn Jahre an einem Lebenswerk schreibt und
schließlich das Gefühl hat, einigen Insidern der heimischen Musikwelt aus der Seele gesprochen zu
haben. Klar gab es welche, die mit mir da und dort nicht einer Meinung waren, das liegt nun mal in
der Natur der Sache. Aber im Großen und Ganzen stimmte für den überwiegenden Teil der
Leserschaft der Inhalt und die Aussage und mir wurde mehrmals eingestanden, daß sich vieles auch
so abgespielt hat. Von den zahlreichen Zuschriften hatte das Statement eines bekannten
Szenekenners sogar etwas Richtungsweisendes. Er meinte, daß man das Buch als informative
Standardliteratur der ganzen Branche als Pflichtlektüre empfehlen sollte. Ein Anderer meinte in
aufrichtigem Ton, daß es manchen Kulturpolitikern gut tun würde, mal eine Lehre aus meinem
Buch zu ziehen. Zu meiner Ehre erhob mich ein Kulturgeist sogar zum „Nikolaus Harnoncourt des
Blues“. Mehr kann man einfach nicht sagen. Vieles das ich mir von der Seele geschrieben habe, ist
mir unter vorgehaltener Hand auch unumwunden bestätigt worden. Aber wie schon gesagt, man will
sich halt nichts eintreten, so der allgemeine Tenor.

Essentiell ist das Buch weit mehr als nur ein bitterer Rundum-Schlag ins Gesicht der Populärkultur,
wie es gewissen Rezensenten erscheinen mag. Sie machen den naturgemäß typischen Fehler, sich
nur das aus dem Kontext zu picken, was ihnen ins Auge sticht und reißen damit Unwesentliches aus
dem Zusammenhang um es zum Thema hochzustilisieren.
Vorallem von Seiten meiner Kritiker ist einiges total mißinterpretiert worden oder in die falsche
Kehle geraten. Daß es in der Musikwelt auch weit mehr gibt, was nichts mit Blues zu tun hat, war
mir immer klar und darüber wird auch nicht diskutiert, weil es nicht in mein Fach schlägt, aber mir
ging und geht es stets nur darum, dem Etikettenschwindel und der Rockvergewaltigung des
Bluesgenres, sowie dem unaufhaltsamen Einfluß der Popkultur an sich entgegenzutreten. Man
verkauft dem Publikum etwas als Blues, das oft nicht einmal peripher als das auszumachen ist, was
es vorgibt zu sein.

In letzter Zeit kommt es häufig vor, daß Veranstalter mit teilweise untauglichen Mitteln versuchen,
die nachrückenden Generationen vermehrt in die Konzertsäle zu bekommen. Ist ja legitim und
vorallem wünschenswert, daß ein junges Publikum herangezogen wird, das die Tradition ins nächste
Jahrhundert weiterträgt. Doch das geschieht nicht, weil man ihm wieder das vorsetzt, was es
ohnehin aus den Medien kennt. Es ist, wie wenn man jemandem das Wiener Schnitzel schmackhaft
machen will und wieder Schweinsbraten serviert, bloß weil man’s so gewohnt ist. Das kann so nicht
funktionieren. Man kann die drei Musketiere nicht mit Laserschwertern ausstatten, nur weil’s hip ist
und man dem Irrtum erliegt, ohne diese faulen Zeitgeistkompromisse das heutige Publikum nicht
ansprechen zu können.
Auch das neuerdings in Mode gekommene ständige Grenzüberschreiten, Brückenschlagen und
Verkuppeln total inkompatibler Kunstrichtungen entspricht so klar dem kulturpolitischen
Grundkonzept sozialromantischer Globalisierungsfanatiker, die für ihre Ideologie eine für
Normalkonsumenten irresistible Hype ungeahnten Ausmaßes losgetreten haben. Sie reden von
kultureller Viefalt und sehen nicht, daß ihre Politik letztendlich einen globalen Einheitsbrei
produziert, der keinen Namen und keine Identität mehr hat und die ganze Welt wie ein
kommerzieller Zuckerguß überzieht. Damit ist das Wesentliche faktisch nicht mehr erkennbar. Sich
dieser Modeerscheinung in den Weg zu stellen ist heutzutage wahrlich ein fast selbstmörderisches
Unterfangen….aber das habe ich mit dem Untertitel „Blues als Rebellion gegen den Zeitgeist“
manifestiert.

Klar, man liebt den Rebellen weil er so cool gegen das Establishment agiert, aber nur wenn er im
Sinne des gerade populären Mainstreams, also nach vorwärts mit dem Kopf durch die Wand geht.
Man darf aber dabei nicht vergessen, daß sich das heutige Establishment aus den Wortführern der
vormaligen Protestgeneration der Alt-68er institutionalisiert hat. Da kann man nur den Retourgang
einlegen.

Man hat auf Grund meiner individualistischen Lebenseinstellung auch in mir jahrelang den
Progressivrebellen gesehen, weil aktive Opposition gegen die Kommerzindustrie, sowie das Hören,
Spielen und Eintreten für tiefschwarze afro-amerikanische Musik als zeitgeistig und fortschrittlich
galt. Dabei aber völlig übersehen, ja geradezu ignoriert, daß Blues in seiner puren Form eigentlich
eine klassisch archaische Musik ist, die im Zuge der Bürgerrechtsbewegung von ihren einstigen
Schöpfern auf der Müllkippe der Musikgeschichte entsorgt wurde. Ich aber war stets der
konservative Konterrevolutionär und Wertebewahrer, der Purist, der sich sei Beginn seiner
Künstlerlaufbahn der Ursprünglichkeit und historischen Authentizität des Bluesbegriffes
verpflichtet fühlte. Da beginnt das Leben dann sehr hart zu werden, denn die post-postmoderne
Populärkultur verpaßte dem Purismus ein deutliches Negativ-Image, das jedem, der für diese Werte
eintritt, den Nimbus des Ewiggestrigen aufstigmatisiert. Dabei will der Purist, wie schon das Wort
sagt, nur das Reine und Unverfälschte.

Um einen gewissen spannungsgeladenen Unterhaltungswert zu garantieren, habe ich mich bewußt
einer manchmal harten, sarkastisch-provokanten Ausdrucksweise bedient, weil ich kein
Hausfrauenblattredakteur, sondern ein Mann des offenen Wortes bin, der fallweise auch sagt was
unserer übersensibilisierten und mimosenhaften Gesellschaft nicht in den Kram paßt. Doch auch da
sehe ich meinerseits einen Erklärungsbedarf. Diese heutzutage allseits geforderte Universaltoleranz
gegenüber jedweder Entgleisung in den Bereichen Kunst, Kultur und Gesellschaft habe ich nie
kritiklos akzeptiert. Nur bis dato machte mir somanche gesellschaftliche Entwicklung keine
Probleme, da ich mich als Bluesman von der Popkultur sowieso nicht tangiert fühlte.
In letzter Zeit ist die generelle Situation aber für mich derart massiv geworden, daß ich da und dort
mein duldsames Schweigen brechen mußte.

Gewisse Kritiker hängen sich für mich unverständlich an völlig unwichtigen und zweitrangigen
Dingen auf, die für meine Biographie weder systemrelevant noch eine primäre Bedeutung haben,
wie meine zugegeben harsche Einstellung zu unantastbaren Ikonen der Populärkultur.

Ich habe aus berechtigten Gründen auch die zu Gottgestalten erklärten Stars der Popgeschichte
bewußt auf’s Menschliche heruntergeholt, weil ich unseren Musikern nicht nur beweisen wollte, daß
„die da oben“ auch nur mit Wasser kochen, sondern gleichzeitig auch Mut zusprechen wollte, das
nötige Selbstbewußtsein zu entwickeln um unserem heimischen Minderwertigkeitskomplex
gegenüber der anglo-amerikanischen Leitkultur den Kampf anzusagen. Ich stand und stehe immer
hinter unseren Musikern, deren Fähigkeiten in einigen Fällen keineswegs den internationalen
Musikgrößen nachstehen. Aber vielleicht läßt sich das aus meinem Buch nicht klar
herauslesen…doch so ist es meinerseits beabsichtigt.
Außerdem kenne ich soetwas wie kritiklose Kadavergefolgschaft im Schatten gottähnlicher
Weltstars nicht. Wenn einer zehn Grammies im Glaskasten hat, beweist das nur, daß er kommerziell
erfolgreich war, offenbar den Nerv einer gewissen Publikumsschicht getroffen und dadurch gut
verkauft hat. Dieser Award wird keinesfalls für den künstlerischen oder ethischen Wert einer
Produktion vergeben und da glaube ich, nicht danebengeraten zu haben. Wenn man sich als Star
einen entsprechenden Namen gemacht und die so von mir bezeichnete „Orbitalgeschwindigkeit“
erreicht hat, frißt einem die Masse aus der Hand, egal was man tut. Zu diesem Fantyp habe ich mich
nie gezählt. Auch im Falle meines vormaligen Jugendidols Elvis Presley machte ich da keine
Ausnahme.

Daß ich im Falle der Rolling Stones für manche ein wenig übers Ziel geschossen habe, war mir von
vornherein klar. Ich wollte damit eigentlich nur beschreiben, daß sie damals für mich nach den
50ern ein einziges audiovisuelles Schockerlebnis waren, was man sich als Angehöriger der
klassischen Elvis-Generation, sowie aus meiner Sicht unschwer vorstellen kann. Dennoch war es
meinerseits keine auf banale Beleidigung ausgerichtete Absicht, denn ich habe nur beschrieben,
welchen Eindruck sie auf mich gemacht haben, als ich ihrer erstmals ende der 60er bewußt
ansichtig wurde. Inzwischen hat man sich wohl oder übel an Extremeres gewöhnt. Mich kratzt
dieses Thema nach fast einem halben Jahrhundert ehrlich gesagt, schon lang nicht mehr.
Was die Beschreibung einiger anderer Stars betrifft, habe ich auch objektiv gesehen, kein unwahres
Wort geschrieben. Ein Blick ins Youtube liefert auch ohne meinen Kommentar z.B. im Fall Amy
Winehouse Beweise genug. Keinesfalls hat auch meine Reaktion auf meine Begegnung mit Popa
Chubby etwas mit insultiver Abwertung beleibter Menschen zu tun. Sind doch viele meiner
verehrten Protagonisten des Blues oder Jazz prominente Schwergewichte (s. Jimmy Rushing, Blind
Lemon Jefferson, Roosevelt Sykes, Meade Lux Lewis oder Fats Waller) Nein….Nein! Es war die
Art und Weise wie Popa Chubby das freundliche Entgegenstrecken meiner Grußhand beantwortet
hat. Vielleicht ist das seine Masche. Dann soll er sich gefälligst eine andere zulegen.

Das Thema meiner Biographie ist keinesfalls das verbittert-neidhammelige Niedermachen
berühmter Weltstars, oder anderer Musiker, wie es schon öfters kritisiert wurde. Verbitterte
Menschen geben sich auf und das habe ich bis heute nicht getan. Noch weniger kann man mir
Brotneid aus niederen Motiven vorwerfen. Ich kenne keinen Neid ! Von mir aus kann einer auf dem
Klodeckel Schlagzeug spielen und Millionen verdienen. Aber wenn geht, soll man ihn dem
Publikum nicht als Blueskünstler verkaufen…mehr will ich nicht. Ich will nur Gerechtigkeit, die mir
als Mensch und vor allem als Künstler hartverdient zusteht.
Dieses Buch beschreibt im Kontext vorwiegend meinen bereits lebenslangen Daseinskampf um die
Positionierung in einer Gesellschaft, die für nonkonforme Individualisten keinen Platz hat; darum
dieser Titel. Ich glaube mich auch darin nicht zu irren, daß es verdammt viel Energie kostet, das
Durchhaltevermögen aufzubringen, mehr als ein halbes Jahrhundert einen Weg zu gehen, den ich
mir auch noch selbst pflastern mußte.

Einerseits lobt und bewundert man meine unbeugsame Geradlinigkeit und daß ich mich nie habe
verbiegen lassen, doch ich möchte nicht wissen, wie oft man mich hinter vorgehaltener Hand einen
sturen Betonschädel genannt hat, der sich selbst im Wege steht. Zu oft habe ich vergebens versucht,
den eklatanten Unterschied zwischen Sturheit und fundierter Überzeugung zu erklären.
Ja…meine Sicht vom Ablauf historischer Begebenheiten divergiert oder kontrastiert sogar fallweise
mit dem Mainstream. Aber auch das war von mir beabsichtigt, weil ich der Öffentlichkeit
klarmachen wollte, daß es auch andere Sichtweisen jenseits des Massengeschmacks gibt. Vorallem
meine kompromißlose Kontrahenz zur global akzeptierten Drogenkultur, weil sie wie eine
pandemische Seuche ihren tragischen Tribut an täglichen Opfern fordert.

Doch neben alldem hat dieses Buch auch noch die Funktion eines kulturgeschichtlichen
Nachschlagewerkes über die Nachkriegszeit. Nicht ohne Grund wurde ich als Zeitzeuge in der
Wien-Bibliothek des Rathauses aufgenommen.
Man bekommt für viele zeitgeschichtliche Fragen eine glaube ich plausible Antwort und lernt
dadurch manches im richtigen Zusammenhang zu betrachten. Ich gebe aber auch unumwunden zu,
daß ich für die Glorifizierer der Drogen- Punk- und Schmuddelkultur nicht der richtige Mann bin.
Was ich seinerzeit in meiner kritischen Blueskitchen-Kolumne angestrebt habe, wollte ich abseits
meiner persönlichen Lebensgeschichte auch in gewissen Teilen mit meinem Buch bezwecken.
Keineswegs lag mir daran, bloß banal zu provozieren um mich interessant zu machen. Ich wollte
etwas bewegen und zur breiten Diskussion anregen. Vorallem Denkprozesse in Gang setzen, damit
sich etwas tut, aber bis heute hat man auf meine Beiträge kaum nennenswert reagiert.
Bloß Musik machen, Applaus und Gage kassieren, danach befriedigt schlafen gehen war schon von
Beginn an nie das Meine.

Doch glaube ich, etwas gewagt zu haben, was seinen Platz in der nationalen Musikgeschichte
unseres Landes haben wird.

Euer Al Cook