Konzertbericht Thad Beckman 05.10.2016

Thad Beckman at Local Bar, Vienna, 5. Oktober 2016

Es ist Zeit, mich ein bissl zu schämen. Zu schämen, dass ich auf Thad Beckman nicht früher aufmerksam wurde, obwohl der schon an die 40 Jahre im Geschäft ist und auch schon mehrmals in Wien zu hören und zu sehen war. Ich muss der besten Sissi von allen danken, dass sie mir ein paar viel versprechende Songs ex You Tube vorspielte, deren hohe Qualität mich absolut überzeugten. Also auf ins Local, in dem sich bei meinem Eintreffen etwa 30 Leute eingefunden hatten, mehr sollten es auch nicht werden. Außer dem sehr bemühten Promoter Othmar Loschy kannte ich niemanden, aber wer mich kennt weiß, dass ich mir Gesichter schlecht merken kann.

Exakt um 20h30 betritt Herr Beckman die Bühne, ein dunkel gewandeter, eher schlaksiger Mittsechziger mit schmalkrempigem Hut, den eine Feder ziert. Er wirkt in keiner Weise ausgeflippt oder freakisch, eher bieder wie ein Beamter oder Oberlehrer. Das schmale, blasse Gesicht ziert Oberlippen- und Kinnbart. Er hat nur eine Akustikgitarre mitgebracht (Guild?), die er über einen Vorverstärker direkt an die PA anschließt und unter Mithilfe des bewährten Tontechnikers Alex prächtig zum Klingen bringt. Auf Soundeffekte verzichtet er total, es wird linear verstärkt.

Für Lieder mit Slide muss er umstimmen, was in sehr kurzer Zeit völlig unspektakulär erledigt wird. Sein Instrument beherrscht er phänomenal, spielt mühelos Melodielinien und Begleitung gleichzeitig, ist auch bei schwierigen Passagen absolut sicher, vergreift sich nie. Er verwendet immer ein Daumenpick, ansonsten nur die bloßen Finger. Er singt in angenehm sonorem, oft etwas schnarrendem Bariton, hat naturgemäß keine schwarze Stimme, mehr die eines Folk- oder Countrysängers. Meine Ohren freuen sich über die von ihm bevorzugten mittleren und tiefen Lagen.

Der erste Set beginnt mit einem langsamen Blues mit langem Intro, bei dem die hohe Qualität des Fingerpicking sofort hörbar wird, gefolgt von „Blues Gone By“ mit der Aufzählung der Namen vieler vergangener, von Thad bevorzugter Blueser. Die folgenden Titel haben oft autobiografischen Charakter und werden mit launigen, humorvollen Ansagen eingeleitet. Obwohl meist in langsamem Tempo vorgetragen kommt niemals Langeweile oder Monotonie auf, zu sehr konzentriert man sich auf das grandiose Gitarrespiel und die Texte. Spektakulär ein Lied über eine gescheiterte Ehe, bei dem das Keifen und Keppeln der Gemahlin auf der Gitarre imitiert wird. Vor der Pause hören wir noch einen instrumentalen Gospelsong mit dem Slide, beginnend als Slowblues, fortgesetzt als mittelschneller Rag, der im Finale fast atemberaubend schnell wird.

Obwohl bluesige Songs schon im ersten Teil des Programms nicht selten waren, wird es in dieser Hinsicht jetzt noch spannender. Nach „Jack O’Diamonds“ folgt ein Titel von Son House und danach Beckman’s eigenes Paradestück „Street Of Disaster“, bei dem das Publikum erstmals begeistert mitsingt („Oh-me-oh-my, I miss my mama“). „I Hate My Life“ ist wieder autobiografischer Blues wie auch „Me Talkin’ To Me“. „Lay My Burden Down“ ist natürlich Gospel, und die Gäste erheben wieder ihre Stimmen („Glory, glory, hallelujah“). Dann kommt ein instrumentaler Rag in langsamem Tempo, virtuos und eindrucksvoll gespielt. Mit Robert Johnson’s „Walkin’ Blues“ geht der offizielle Teil des Programms zu Ende, und danach sollte man eigentlich gar nichts mehr spielen….aber die Gäste fordern mehr. Also kehrt Thad zurück und stimmt mit „Ageing Musician“ einen autobiografischen Waltz an. Weil das unersättliche Publikum noch immer keine Ruhe gibt, darf es zum Abschluss noch mitjodeln, nämlich einen Country-Yodel nicht im Stil von Jimmie Rodgers, sondern eher nach Hank Williams. Unermüdlich wird noch immer Zugabe verlangt, und Beckman erklimmt ein letztes Mal die Bühne und kündigt als „allerletztes Stück“ den „Sportin’ Live Blues“ an, nicht ohne zu bemerken, dass Brownie McGhee diese Nummer im zarten Alter von 19 Jahren geschrieben hat.

Es war ein eindrucksvoller, bemerkenswerter Abend mit einem großartigen Künstler, sowohl als Gitarrist, Singer/Songwriter und Bluesman. „Du wirst ihn lieben“, sagte Othmar vor dem Konzert.

Und ich liebe ihn. Im Juni 2017 wird Thad Beckman wieder in Wien sein, und ich freue mich jetzt schon auf ihn.

Werner Simon