44. Zum Todestag von Elvis Presley am 16. August 1977

44. ZUM TODESTAG VON ELVIS PRESLEY AM 16. AUGUST 1977

Auszug aus meiner Biographie „Kein Platz Für Johnny B. Goode“ (Achtung: Nichts für Fanatiker!)

©Al Cook, 2001 – 2013

Die einzige außerfamiliäre Bezugsperson, die seit meinem 15. Lebensjahr mein Tun und Lassen bestimmte, war mein Jugendidol Elvis Presley. Ich übernahm erst mal seine Frisur als Markenzeichen und die trage ich bereits länger als er lebte. Dann okkupierte ich seinen Kleidungsstil, den ich bis spät in die 80er beibehielt, als ich für kurze Zeit das Rockabilly Revival mitmachte.

…doch Elvis war seit 1960, also nach seinem Wiedereinstieg ins Showbusiness nicht mehr der King für mich. Als er aus dem Militärdienst entlassen wurde, hatte sich die Musikszene grundlegend geändert und er ließ sich willig (oder auch nicht) zum Hawaiikasperl machen, der aseptische Barbiepüppchen ansang und sich schließlich nach zappeligen Beatrhythmen bewegte, um seiner Rolle als everybodys darling gerecht zu werden. 1968 versuchte er zwar im Lederoutfit noch einmal den harten Rocker zu machen, aber der jungenhafte Charme, die wilden Sakkos, die allzu bequemen schenkelweiten Slacks und seine fast geilen zweifärbigen Schuhe waren einfach nicht mehr zurückzuholen. Er sah immer noch blendend aus, aber seine Bühnenpräsenz hatte bereits einen Anstrich von Manierismus. Elvis war für „That’s Allright Mama“ und „Hound Dog“ schlichtweg zu erwachsen geworden. Da half es auch nicht mehr, daß sich Scotty Moore, sein legendärer Sologitarrist, breitschlagen ließ und die Originalbegleitung aus alten Hayride-Tagen auferstehen ließ. Die Jahre, in denen Elvis seine geschmacklosen Seifenopern drehte, hatten ihm die Schneid gekostet und seine Fans, die ihm immer noch die Treue hielten, kämpften schon mit den ersten grauen Strähnen. Gegen einen Jimi Hendrix hatte er keine Chance mehr. Wenn die beiden auch musikhistorisch nicht zu vergleichen waren, in punkto Bühnenpräsenz, Erotik und Draufgängertum hatte der King nichts mehr entgegenzusetzen. Er war für die Musikgeschichte zu einer unantastbaren, gottähnlichen Institution geworden, die aus sich selbst lebte und seine ikonenhafte Gestalt befand sich bereits seit langem im Leerraum jenseits jeder Kritik…das ist für einen aktiven Künstler der Anfang vom Ende, weil es in diesem Stadium nichts Konstruktives mehr gibt.

Doch Mitte der 70er war Elvis endgültig zur Karikatur seiner selbst geworden. Von allerhand Drogen aufgedunsen, mit einem Outfit wie ein Zirkuspferd, sowie durch seine zerstörerische Ernährung und äußerst wahrscheinlichem Cortisonkonsum war er zum schwammigen Wrack geworden.

Vor Jahren sendete der ORF eine aufschlußreiche Dokumentation unter dem Titel: „Als Elvis sich zu Tode fraß“. Die Ursachen, die Elvis’ körperliche und seelische Dekomposition auslösten, waren darin präzise recherchiert und durch Interviews mit Hausangestellten und Mitgliedern seiner „Memphis Mafia“ bestätigt worden.

Elvis laberte seine, mit bombastischem Aufwand inzenierten Bühnenshows infolge seines fortschreitenden Verfalls nur mehr lustlos herunter. Sogar altbekannten Rock n Roll Hits verpaßte man durch grauenerregende Bigband Arragements eine Zeitgeistschminke, die seinen Gesang durch schwülstige Überinstrumentierung unbarmherzig zu ersticken drohte. Seine Augen, die einst diesen seltsam verletzlichen Jungstierblick hatten, versteckte er bereits seit Jahren hinter protzigen Sonnengläsern. Ich wurde den Eindruck nicht los, daß er dieses Gestell wie ein schützendes Visier vor sich her trug. Wollte Elvis nicht mehr erkannt werden, oder wollte er bloß niemandem mehr in die Augen sehen, weil er diese verlogen-zurechtgepflasterte Glitzerwelt des amerikanischen Showbusiness satt hatte ? Offiziell wurde diese Maßnahme kurzerhand medizinisch argumentiert, indem man sie mit einer Augenkrankheit erklärte, doch der Wahrheitsbeweis war den Fans eher sekundär. Egal, Elvis war in Person zu sehen und es hätte mit Sicherheit keinen Unterschied gemacht, wenn der einstige King of Rock ‘n’ Roll die Bühne auf Krücken in Besitz genommen hätte.

Gegen Ende vergaß Elvis zeitweise den Text seiner tausendmal gesungenen Hits und lachte sich schallend über Peinlichkeiten hinweg. Die gemieteten Musikklempner, die für mich nichts als lebende Taxameter waren, grinsten breit und klimperten weiter, wenn sich der King wieder in der Gewalt hatte. Ich bin mir fast sicher, daß er dieser Showmaschinerie und schließlich seiner selbst müde geworden war und am liebsten „ach leckt mich doch…“von der Bühne gerufen hätte. Ich schwankte als ehemalig ergebener Fan, der sich an Elvis Aron Presley einst sein Quentchen Selbstbewußtsein aufbaute, nur mehr zwischen Mitleid und Entsetzen. Doch seine kadavergehorsame Gefolgschaft hielt ihm die Treue bis zu seinem armseligen Ende. Gott weiß warum. Die „Memphis Mafia“ dienerte weiter, kassierte dabei kräftigst ab und ließ es sich auf des Königs Kosten gut gehen. Wahre Freunde hätten ihren Abgott jedoch zeitgerecht auf diese Welt zurückgeholt und ihm die Leviten gelesen. Während jede publicitygeile Klofrau, die Elvis irgendwann einmal zu Gesicht bekam, nach dessen Tod ein Buch über ihn schrieb, schwieg sich Scotty Moore – vielleicht sein bester Freund – beharrlich aus. Es war einfach die schlichte, edle Pietät des wahren Weggefährten….

Das Las Vegas Publikum, das zum größten Teil aus gräßlich überschminkten Gruftpuppen bestand, deren Höschen nur mehr aus Inkontinenz naß wurden, sicherte ihm eine Pfründe, von der so mancher Superstar nur träumen konnte. Wenn Elvis des Singens müde war, oder nicht weiter wußte, langweilte er sein Publikum mit tapsigen Karateshows und lauwarmen Witzen. Doch es wurde traditionsgemäß stürmisch applaudiert, lauthals gelacht und fallweise schwangen sich ein paar Fans der ersten Stunde zum letzten Gekreische auf. Einige unentwegte Omas, die den King doch noch zu fassen kriegten, drückten ihm ihre dick geschminkten Lippen an seine fahlen Wangen, als er sich von der Bühne ins Publikum beugte. Elvis bekam für solche Gelegenheiten eine Kollektion billiger Seidenschals (oder war es doch nur Polyester) um den Hals gelegt, die er dann nacheinander an die Weiblichkeit verteilte. Wahrscheinlich haben die Begünstigten in der Folge noch ihren letzten stillen Orgasmus erlebt.

Mit Elvis Presley ging eine Ära zu Ende, unwiderruflich und nicht mehr zurückzuholen war. Die Welt drehte sich längst anders und ich glaube, das wußte Elvis auch. Vielleicht konnte auch er nicht mehr verstehen, als Superstar locker die Beatles und auch sich selbst überlebt zu haben. Doch Colonel Parkers immer noch mit perfekter Pietätlosigkeit arbeitende Werbemaschinerie sorgte dafür, daß sein Schützling zur sich selbst regenerierenden Ikone aufgeblasen wurde und weiterhin für ihn den Goldesel spielte. Man nennt das heutzutage verehrungswürdig „To be larger than life.“

Privat gabs für Elvis nur innere Leere, denn seitdem Elvis von seiner Frau Priscilla verlassen wurde, verspürte er keine rechte Lust mehr, den ewigen Johnny Guitar zu spielen und vertrieb sich die Zeit mit infantilen Spielchen, zu denen seine Memphis Mafia pflichtschuldigst lachte, applaudierte und sich auch diskret zu verziehen wußte, wenn er mal nicht drauf war. Kurz und gut, der King langweilte sich und fraß sich infolge dessen langsam zu Tode.

Mit seinem Einfluß auf die Jugendkultur hätte er schon anderthalb Jahrzehnte vorher so manches bewegen können. Er zog es aber scheinbar vor, in Fernsehapparate zu schießen und glubschäugigen Tussies Cadillacs zu schenken. Vielleicht gab er sich schon vor seiner fetten Periode auf, weil er wußte, daß er gegen Colonel Parkers windige Vertragsparagraphen nichts ausrichten konnte. Ein gescheiterter Ausbruchsversuch, den Elvis in den 60ern unternahm, schien ihn psychisch gebrochen zu haben, denn da zeigte ihm der Colonel, wer der wahre King hinter dem Mythos Elvis Presley war.

Doch am 16. August 1977, am Tag genau 39 Jahre nach dem Abtritt der Delta-Legende Robert Johnson war auch für King Elvis der letzte Sonnenaufgang angebrochen…..

WIE ICH ELVIS TOD ERLEBTE An diesem denkwürdigen Tag, ich glaube es war ein Dienstag, war Bluestime angesagt im Wiener Jazzland. Auf dem Programm stand Al Cook, der Bluesteufel mit der Elvis-Frisur. Damals gab es eine rege Bluestätigkeit im Jazzland. Die größten heimischen Protagonisten der kontinentaleuropäischen Szene gaben sich die Klinke des wohl bekanntesten Jazzklubs Österreichs in die Hand. Im Gegensatz zu heute konnte man zu dieser Zeit noch absolut sicher sein, daß auch Blues gespielt wurde, wenn Blues auf dem Programm stand. Man konnte sich noch ruhigen Gewissens der Musik hingeben, ohne daß sie von Pop-, Funk- oder sogenannten Weltmusikeinflüssen verzerrt wurde.

Die Bluesszene der 70er lebte zu dieser Zeit von meiner, damals fast allgegenwärtigen Präsenz, von der ich noch bis heute zehren kann. Ich kann mich gut erinnern, daß an jenem 16. August 1977 das Publikum fast bis zum Eingang stand, um mich wieder mal live zu hören. Meine Jazzlandauftritte waren selten geworden, weil mir mein Exmanager untersagte, in einem Lokal zu spielen, das sich meine damalige Gage nicht leisten konnte. Doch ich spielte dort nicht der Kohle wegen, sondern der Kunst wegen und vor allem aus Freundschaft zu Axel Melhardt. Axel war der unbestritte Chef der Jazzszene und übernahm in den 80ern das Lokal auch als dessen Besitzer.

Es war die Zeit meiner Doppel- und Dreifachtermine im Jazzland. Al Cook garantierte volle Häuser, das stand damals in allen Zeitungen und war nicht gelogen. Mitte der 70er füllte ich mit meiner primitiven Sperrholzklampfe Säle mit bis zu tausend Personen. Nicht selten begleitete mich Vorschußapplaus bereits am Weg zur Bühne und ich war nach etlichen Bierzeltkonzerten schnell wieder in diese, bereits vermißte Welt des Jazz mit Haut und Haaren zurückgekehrt.

Das Jazzland-Konzert lief gut und ich sprühte vor Spielfreude, als Axel Melhardt plötzlich im Zuschauerraum auftauchte und eine unglaubliche Ansage machte.. „Liebe Jazz- und Bluesfreunde…Heute Abend wurde im Radio und Fernsehen gemeldet, daß Elvis Presley in den Morgenstunden verstorben ist.“

Zuerst glaubte man an eine Medienente, da schon einige Stars für die Sensationspresse probegestorben waren, wenn sich im Blätterwald nichts mehr tat…und Elvis hatte nach Woodstock und dem Anbrechen des Wassermannzeitalters einen Aufhänger mehr als nötig. Doch schnell war man von der bitteren Wahrheit überzeugt, in ungläubiges Entsetzen verfallen und es herrschte kurz im wahrsten Sinne des Wortes Totenstille. Gibt es noch eine Welt nach dem King ? Es gibt immer noch eine Welt nach jemandem, aber wer besteigt nun den verwaisten Thron ?

Im Vertrauen gesagt, niemand mehr. Elvis der King, ein Image, das größer war als alles, was sich im Showbusiness je bewegt hatte, ist durch kein irdisches Wesen zu ersetzen, das muß man einfach neidlos zugestehen. Elvis war unbestritten der meistbekannte und genannte Vorname seit Jesus. Das hat sich auch bis heute nicht geändert. Konnte denn solch eine geschichtliche Persönlichkeit irdischer Vergänglichkeit anheimfallen ?

Doch Elvis Aron Presley – der Mensch – der einst linkische Junge aus dem Armenviertel von East Tupelo, der zum größten Entertainer der Musikgeschichte werden sollte, war verstorben….viel zu früh und meiner Meinung nach jedoch nicht unerwartet. Wie so viele hat ihn das unbarmherzige amerikanische Showbusiness bis zur letzten Stunde ausgepreßt, mit Drogen am Funktionieren gehalten und der Teufel, der schon Robert Johnson kassierte, lieferte in der Gestalt Thomas Andrew Parkers sein Meisterstück ab. Elvis Presley’s mysteriöser Tod wurde zu einer Himmelfahrt hochstilisiert, die für seine Fans fast an jene des Religionsstifters Jesus Christus heranreichte. In die Kassen des Elvis Clans floß darauf bald mehr Geld als zu dessen Lebzeiten und das hat sich bis heute nicht geändert. Man kann da geteilter Meinung sein, aber das mache ihm einmal jemand nach.

Doch nun weiter in der Geschichte… Ich saß nun auf der Jazzlandbühne und wußte nicht recht, was ich tun sollte. Einfach mit dem Programm weitermachen, als sei bloß ein Vogel aus dem Nest gefallen, war schlicht und einfach unmöglich. Seit ich mich mit dem Blues beschäftigte, hatte ich mit Elvis nicht mehr viel am Hut gehabt. Sogar meine Plattensammlung verschenkte ich 1968 an meine erste Freundin, weil mich Robert Johnson bereits mehr aufregte als Elvis Presley.

Doch nach einer kurzen Denkpause schnappte ich kurzerhand meine Dobro-Gitarre und spielte eine Instrumentalversion von Love Me Tender. Mehr konnte ich einfach nicht tun. Zwei oder drei Nummern folgten noch nach, da ich bei manchen Titeln, die Elvis auf SUN-Records aufgenommen hatte, Verbindungen zum Blues ausmachen konnte. Langsam schliff ich mich aber wieder in den Blues ein, denn ich hatte das Gefühl, meinen Tribut bereits geleistet zu haben. Die Elvis-Anhänger unter den Bluesfans rechneten es mir hoch an, daß ich ihrem Jugendidol, das auch lange das meine war, die gebührende Referenz erwies.

Trotz allem…was wäre aus vielen von uns geworden, wenn es Elvis Aron Presley nicht gegeben hätte….. Darüber mag die Geschichte urteilen.

Euer AL COOK

Ersterscheinugsdatum:27.06.2009 ©Al Cook, 2001 – 2010 http://www.alcook.at