Vienna Blues Affair „FRESH“

Vienna Blues Affair das sind: Andi Bauer (voc., guit. bluesharp), Erich Pochendorfer (voc. guit.), Werner Mairinger (drums, percus.), Hari Ruiss (bass), Reini Ruiss (voc., piano, keybords); unterstützt von Thomas Berghofer (trump.), Bernhard Spahn (Altsax), Rainer Ochsenhofer (Tenorsax), Gregor Gassner (Baritonsax). Präsentation der CD am 19. 4. 2013

 Typ: Audio CD, 15 Songs; Gesamtspieldauer: 66´ 12´´. Label: Penzing Records 2012

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Die 2008 gegründete Bluesband hat nun ihren Spirit und mit ihm ihre Schöpferkraft in 15 Eigenkompositionen unter dem knappen, präzisen Titel “Fresh” vereinigt. Erich Pochendorfer, der mit seiner eleganten, immens lyrisch ausgerichteten Spielweise einerseits seine Saitenbeherrschung zum betörenden Hörgenuß hochzufahren weiß, tritt nicht nur als raffinierter Komponist auf, sondern auch als gedankentiefer Texter. Wort und Ton sind in acht Songs seins. Wie sehr zeitkritisches Empfinden zu seiner Persönlichkeit gehört, davon gibt sein Groll über die “Financial Crisis” (Nr. 2 der CD) einen erschütternden Eindruck (ich halte da seine Kernaussage der letzten Strophe fest: “Every day the same old news, but all this information got no use”). Reine Lyrik, nicht gar so fern einem Hermann Hesse, im Wort und erst recht in der musikalischen Umsetzung gehören den “Tears” (Nr. 11), die in den Einleitungsworten festgeschrieben sind: “Turn back the clock, step back in time, dry all your tears and hold you close to this heart of mine”. Es versteht sich von selbst, daß das Arrangement der Songs die glanzvolle Leistung der gesamten Band ist.

Reini Ruiss fasziniert, abgesehen von seiner ganz persönlich gefärbten Spielkunst am Piano und Keybords, mit seiner heiseren, besonders nahegehenden guttural bestimmten Stimme und, was für das Gesamtimage der Band a priori Definition ist, das ist seine stets mit dem Jazz kokettierenden Musikliebe. Fünf Songs (Nr. 3, 6, 10, 12 und 15 [mit E. Pochendorfers Text für die Musik zeichnend] geben der CD einen (er)fr(i)es(c)h(enden) Anteil. Reini ist nicht nur (auch) im Jazz zuhause, der verführt zweifellos Anhänger der Blues Affair Musik zur Neugier auf ungetarnten Jazz.

Andi Bauer gibt in seinem Song “Blues for Mama” (Nr. 5; auch in Nr. 8 ist seine Mutter präsent) in bester Bluestradition dem persönlichen Erleben Raum und zugleich ein Rezept für jedermann in dolorosen Momenten (wie der Tod der Mutter) zur Identifizierung mit der Negativität des Seins und ihrer Bewältigung zur Hand. Wenn man Andis Texte so versteht und in sich archiviert. Er zeigt dem Hörer Musik als Remedium in nahegehender Stärke für die Abschiedserfahrung vom Freund (Nr. 14: “Just like an angel”).

Wer diese CD für sich hat, der wird die Erfahrung machen, daß in den “Fresh”-Liedern nicht nur die Musik von hohem Anspruch ist und daß vor allem die Texte mehr als nur Begleitwerk sind. Sie verlangen alle Aufmerksamkeit, sie geben sie mit außerordentlichen Werten zurück. Und in diesem Punkt den Penzing Records allen Respekt: in keinem live zu hörendem Lied sind alle Instrumente und besonders die Gesangsstimme so klar zu hören (auf dieser CD ist Pochendorfers Stimme das große Erlebnis: noch nie brachte selbst der ausgeklügeltste Soundcheck das Bedrohliche und mit ernstem Timbre umrahmte seine Stimme so hervor). Es zwingt zu dem Schlußurteil, daß der Hörgenuß dieser CD von seiner technischen Seite als Positivum zu unterstreichen ist. Zu Hilfe kommt das feine Booklet mit den Texten aller 15 Songs.

Wie die jeweiligen, meist knappen Mitwirkungen der Bleche ankommen, wird gewiß jeder für sich bewerten.

Hermann Harrauer