Konzertbericht Guy Verlinde & The Mighty Gators supp.: Hermann Posch

Doppelkonzert im Reigen, 18.4.2017

Hermann Posch solo / Guy Verlinde & The Mighty Gators

Im Festivalprogramm des Vienna Blues Spring war Hermann Posch noch als Support, also als „Vorprogramm“ angekündigt; Dietmar Hoscher stellte dies bei seinen einführenden Worten umgehend richtig: Hermann bestritt den ersten Teil des Doppelkonzerts allein und war fünfzig Minuten lang zu sehen und zu hören.

Er scheint antizipiert zu haben, dass im zweiten Teil des Abends gehörig „Gas gegeben wird“und nahm dies zum Anlass, ein eher ruhiges, besinnliches Konzert abzuliefern. Dass ihm dasvoll und ganz gelungen ist, war den Reaktionen des Publikums anzumerken. Während der  einzelnen Lieder war es mucksmäuschenstill, es wurde fast andächtig zugehört; jeweils danach brauste der Applaus auf. Das Programm war situationselastisch zusammengestellt; es waren fast nur langsame, getragene Lieder zu hören. Dynamik erzeugte Hermann weniger durch Tempo als vielmehr durch Lautstärke und Drive.

Fünf Kompositionen Hermanns standen sieben ausgesuchte Covers gegenüber – somit war das Dutzend voll. Am Anfang stand Blind Willie Johnson’s „Soul Of A Man“, als Zugabe bekamen wir Hermanns „No Peace Of Mind“, beides geniale Balladen, an Gefühl in der Interpretation von Posch kaum zu übertreffen. Zur Auswahl der Covers darf man gratulieren – neben Muddy’s „Can’t Be Satisfied“, Jazz Gillum’s „Yonder Wall“ und Robert Johnson’s „Walking Blues“ wurden weitgehend weniger bekannte Stücke präsentiert, alle in Hermanns unnachahmlicher Präsentation.

Wie bereits kürzlich einmal betont, hat Posch´s Baritonstimme ebenso wie sein Gitarrespiel noch an Reife und Gefühl zugenommen. Wer gut aufgepasst hat, konnte an diesem Abend etwas Neues bemerken: Ob akustische oder elektrische Gitarre, alle Songs wurden mit Slide gespielt -hat irgendwer Hermann Posch schon einmal so erlebt?

Nach der Pause betreten die „Mighty Gators“ Stijn Bervoets (g), Karl Zosel (b) und Benoit Maddens (d) die Bühne und stimmen ein Lied an, das sich wie „Treat Me Right, Woman“ anhört; Guy Verlinde kommt von hinten Mundharmonika spielend durch das Publikum, wechselt auf der Bühne aber gleich auf elektrisch. „Dieses Stück“, sagt Guy, „ist allen Männern gewidmet – aber keine Angst, alle anderen gehören dafür den Damen“. Seine launigen, humorvollen Ansagen ziehen sich durch das ganze Programm.

Alle vier Herren sind bärtig; die Üppigkeit der Gesichtsbehaarung nimmt in der Reihenfolge Bass, Gitarre, Schlagzeug, Sänger/Leader ziemlich gleichmäßig ab. Bassist und Drummer sind auch als Hintergrundsänger zu hören, produzieren auch gut passende Zweite Stimmen. Es geht mit „Soul Jivin’“ von der aktuellen CD/LP weiter, spektakulärer Funk/Soul, mit dem ich persönlich nicht viel anfangen kann, zumal Stijn zum „fudeln“ neigt und für mich zu viele Töne pro Takt spielt.

Es folgt „Sacred Ground“, wieder von einer Geschichte Guy’s eingeleitet. Das ist ein gefühlvolleres, langsames Stück mit Guy’s Slidegitarre; Benoit bearbeitet sein Schlagzeug mit dem Beserl in der linken und einem Paukenschlägel in der rechten Hand – ungewöhnlich aber passt. Der Bassist liefert die zweite Stimme ab.

„Wir möchten euch“, setzt Guy fort, „wir möchten euch positive Energie mitgeben. Ihr sollt glücklicher nach Hause gehen, als ihr hergekommen seid. Wenn uns das nicht gelingt, so haben wir versagt“. Die angesagte Nummer heißt etwa „Piece Of Heaven Inside My Head“ und ist ein fröhliches, humorvolles Lied, das ins Ohr geht und irgendwie an Dr. John erinnert. Als Kuriosität ist Guy mit dem Kazoo zu hören. „I’ve Got You“ ist der erste Shuffle des Programms; der Leader ist auf der akustischen Harp zu hören. Stücke wie die beiden letztgenannten hätte ich gerne öfter gehört.

Es geht weiter mit Balladen, Funk und Blues-Rock, das Publikum ist offenbar zufrieden; obwohl nach und nach schon ein paar Besucher gegangen sind, produzieren die restlichen beachtliche Lautstärke. Meine Ohren sind insgesamt weniger zufrieden.

Dies ändert sich, als Guy Hermann auf die Bühne bittet. Es wird „Goin‘ Down To Missy Sippy“ angesagt, das mit keiner anderen Komposition etwas zu tun hat, in der der Old Man River im Text vorkommt. Endlich wieder ein Shuffle mit Swing und Drive. Guy ist mit der elektrischen Bluesharp ausgiebig zu hören, Hermann brilliert mit der Slidegitarre und ist auch als Sänger zu hören. Das Publikum singt den Refrain mit; der Schlagzeuger schafft den Takt leider nur teilweise. Warum Hermann nur dieses eine Stück mitspielt, weiß man nicht.

Es folgen noch „Better Days Ahead“, ein passabler Blues-Rock, und mit „Driving Home To You“ steht sogar tanzbarer Twist auf der Setliste. Für „Ain’t No Sunshine When You’re Gone“ holt Guy Aminata Seydi für ein Duett auf die Bühne – eine wahrhaftig schöne Ballade, eines der schönsten Liebeslieder überhaupt, meint er. Dem stimme ich zu, allerdings sollte man gerade dieses Stück gefühlvoller präsentieren.

Beim letzten Blues-Rock des Programms („Powered By The Blues“) spielt Guy die Slidegitarre; alle Sidemen haben sich mit je einem Chorus zu präsentieren.

„Sophisticated“ sagt Sissi, „psychodelisch“ sagt Hermann, „dispensable“ sage ich, und dem füge ich nichts hinzu.

Außer: ich habe den sehr sympathischen Guy Verlinde als Solisten beim Vienna Blues Spring 2015 kennengelernt, mit einer großartigen One-Man-Show… Bericht hier nachzulesen: http://blues.at/2015/04/05/konzertbericht-lightninguy-verlinde/

Fazit nach dem gestrigen Abend – er gehört zu jenen Musikern die ich solo bevorzuge.

Werner Simon